11. 12. 2017

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Ich bin auch gegen die EU

Heutemorgen, zugfahrend, wollte ich einen Beitrag zum neuen EU- Mitglied Kroatien auf meiner Facebook- Wand posten. Einerseits um meine Freude kundzutun – ja, ich bin nach wie vor ein EU- Freund (der Titel war ein Fake) - aber auch um meine Frust über das sich stätig wiederholende Jammern meiner EU-kritischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, loszuwerden.

Die Sätze häuften sich auf meiner „Wand“, doch dann kam ein Tunnel. Dort verlor ich die Internetverbindung : ( weil es die SBB nach wie vor nicht schaffen einen Wlan- Anschluss in den Zügen zu installieren. Wie dem auch sei...

Im Offline- Modus flossen Gedanken weiter... zu diesem Blog zusammen, über die – einmal mehr – Frage der Zugehörigkeit. Heute mit dem Schwerpunktthema „gemeinsamer Feind“ als notwendiges Übel bei der Gestaltung und Arbeit an der eigenen Identität.

Ich bin also seit heute, in offizieller Form (auch) ein EU- Bürger, ein Europa-Unionlär. Und das gefällt mir! Ich bezeichne mich zwar seit längerem auch als Weltbürger, nur dafür habe ich noch kein entsprechendes Dokument ausgestellt bekommen. Wüsste auch nicht wo ich einen solchen beantragen könnte. Mein kroatischer Pass jedoch gibt mir seit dem 1. Juli 2013 auch die Möglichkeit mich als Mitglied der Europäischen Union (nicht zu verwechseln mit Europa) zu bezeichnen.

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by: Oscar Sanmartin

Mit neuen Zugehörigkeiten kommen auch neue Obrigkeiten ins Spiel. Und wir vom Balkan haben so unsere eigene Geschichte und unseren eigenen Bezug zu Obrigkeiten. Am liebsten ist es uns grundsätzlich wenn wir wenig Verantwortung auf unseren individuellen Schultern tragen müssen, bzw. es ist uns lieber wenn wir die Schuld (für z.B. persönliches Versagen) an die Obrigkeit weiterleiten können. Seien das; die Osmanen, die Habsburger, der Serbische König oder der letzte Diktator Josip Broz, mit seinem sozialistisch- titoistischen Staatenkonstrukt Namens Jugoslawien. Unser grösstes postkommunistisches Problem ist und bleibt der Mangel an Verantwortungsgefühl. Ich weiss, solches zu lernen braucht Zeit, besonders mit unserer Vergangenheit. Aber Fact bleibt; für uns sind immer zuerst die anderen an allem Schuld.

Ähnliches geht zur Zeit wieder bei vielen Menschen in Kroatien ab. Die neue Obrigkeit heisst - schon lange bevor wir überhaupt Teil dieses europäischen Staatenbundes geworden sind - die europäische Union und allem voran Deutschland. Dabei geht vergessen, dass sich diese nicht als Obrigkeit sehen, zumindest nicht im uns `vertrauten` Sinne. Aber egal – Obrigkeit bleibt Obrigkeit und die ist per se gegen mich.


Doch dieses 'Handicap' des mangelnden Verantwortungsgefühls, bzw. Abschiebens der Probleme an die Obrigkeit (die man ja in einem demokratischen Staat selber gewählt hat) wird auch einen, so bin ich überzeugt, Versöhnungs- und Kooperationsprozess innerhalb der Region des ehemaligen Jugoslawiens auslösen. Und ohne dass wir es wollten, ohne dass wir es je geahnt hätten, wird uns unser Nachbar, gegen den wir bis vor einigen Jahren noch Krieg geführt hatten, auf einmal wieder näher sein als der weite, uns zu unterdrücken und ausbeuten wollende, Europa-Unionlär. Das Konzept eines gemeinsamen Feindes als etwas Verbindendes, wird die gestrigen Nachbarn wieder näher bringen. Wir vom Balkan, werden uns wieder vereinen müssen (natürlich werden wir das nie offiziell zugeben oder irgend wo schriftlich festhalten wollen) um nicht ganz, auf der europäischen und/ oder globalen Spielwiese (im politischen oder wirtschaftlichen Sinne) zu verlieren.

Wenn wir schon bei der Spielwiese sind; Ende 1980er und Anfangs 1990er Jahre haben die Fans vom Fussballclub Hajduk Split (Torcida) und Dinamo Zagreb (Bad Blue Boys) – heute die grössten Feinde - gemeinsam gegen 'Delije' (Fans von Roter Stern Belgrad) Straßenschlachten ausgetragen. Man stelle sich das heute vor; Torcida und BBB gemeinsam für Etwas. Nein nein, wir sind lieber gegen statt für Etwas. Dieses Konzept kennen wir, dieses hat schon immer funktioniert und wird es wieder. Aber dieses „gegen“ kann man im anderen Kontext für etwas verwenden. Solange man es nicht laut ausspricht oder in einem Blog darüber schreibt, wird es auch niemand merken.

Ich bin für die EU. Nicht weil ich das Gefühl habe, sie hätten gerade alles im Griff. Nein, ich bin für die EU, weil viele gegen EU sind (muss sagen, dass ich mir gerade ein wenig wie der Chefredaktor der Weltwoche vorkomme – aber auch egal. Das Ziel rechtfertigt die Mittel.) Und das „gegen sie sein“, hat wiederum einen verbindender Charakter. Der neue gemeinsame übergeordnete Obrige als Feind der Kleinen, wird sich als Freund der Zerrütteten und nach Identität suchenden Menschen zeigen. Auf dem Weg zur Bewältigung der Ereignisse der letzten 25 Jahre, welche sich auf der balkanesicher Halbinsel ereignet haben...