24. 07. 2017

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Monatsinterview in der WOZ - Teil 2

Durch den Monat mit Ivica Petrusic (Teil 2)

Wie haben Sie Ihr akzentfreies Schweizerdeutsch hingekriegt?

Wie die Musik, der Sport und zwei engagierte Lehrer Ivica Petrusic geholfen haben, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Und was dem Vizepräsidenten des Vereins Second@s Plus von seiner Kindheit in einem bosnischen Dorf geblieben ist.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

WOZ: Ivica Petrusic, Sie haben Ihre ersten dreizehn Lebensjahre in der Sozialistischen Föderalistischen Republik Jugoslawien verbracht. Wo genau?

Ivica Petrusic: In einem Dorf namens Guca Gora, das im heutigen Bosnien-Herzegowina liegt. Wir sind aber kroatischer Herkunft. Ein grosser Teil meiner Familie lebt bei Split in Kroatien. Ich habe meine Kindheit in einem Vielvölkerstaat, de Teil eines Vielvölkerstaats war, verbracht.

Was für Erinnerungen sind Ihnen von dieser Kindheit geblieben?

Ich bin in unserem Dorf von den Rufen eines Muezzins geweckt worden, während mich die Kirchenglocken des örtlichen Franziskanerklosters auf den Weg in die sozialistische Schule begleitet haben. Dieses Gefühl, dass unterschiedliche Kulturen sich nicht ausschliessen, sondern nebeneinander stehen und sich im besten Fall auch gegenseitig befruchten können, das ist geblieben. Ausserdem kann ich gewisse Passagen von Karl Marx noch heute auswendig rezitieren und gut Basketball spielen. Sowohl die Marx-Lektüre wie auch der Sport sind stark gefördert worden.

Das klingt ziemlich idyllisch. Der Kriegsausbruch muss traumatisch für Sie gewesen sein.

Lange Zeit war der Krieg weit weg von Bosnien-Herzegowina. Wir haben nach dem Tod von Josip Broz Tito im Mai 1980 den schleichenden Zerfall des Vielvölkerstaats schon mitbekommen: Erst die Unruhen im Kosovo, dann die Unabhängigkeitsbestrebungen von Slowenien und Kroatien, die im Frühjahr 1991 schliesslich zu den ersten Kriegshandlungen führten. Bei uns im Dorf hatten wir lange das Gefühl, dass der Krieg nicht bis zu uns kommen würde. Erst als er praktisch vor unserer Haustür stand, haben wir begriffen, dass auch wir nicht verschont bleiben würden. Wir sind in die Schweiz geflüchtet.

Sind Sie mit Ihrer Familie zufällig oder bewusst hierhergekommen?

Bewusst. Mein Vater war Mitte der siebziger Jahre gemeinsam mit rund vierzig weiteren Männern aus dem Dorf rekrutiert worden, um für eine Baufirma als Maurer in Buchs bei Aarau zu arbeiten. Die darauffolgenden Jahre verbrachte er jeweils neun Monate als Saisonnier in der Schweiz. Ende der Achtziger erhielt er eine C-Bewilligung. Meine Mutter, mein älterer Bruder, meine ältere Schwester und ich konnten so über den Familiennachzug in die Schweiz einreisen.

Sie waren vierzehn Jahre alt, als Sie in der Schweiz ankamen. Ihr Schweizerdeutsch ist akzentfrei, wie haben Sie das hingekriegt?

Durch meine jugendliche Liebe zum Hip-Hop. Zusammen mit Kollegen haben wir uns als Rapper versucht. Mein Ehrgeiz war es, ein richtig guter MC zu werden. Ich habe meinen Schweizer Kollegen gut zugehört, mir ihren Dialekt angewöhnt und versucht, noch ein wenig besser zu sein als sie. Die Musik war überhaupt sehr wichtig für mich, um hier Fuss zu fassen. Nach meiner Hip-Hop-Phase hab ich in einer Teenieband gesungen, mit der wir sogar eine CD aufgenommen haben und zumindest auf lokaler Ebene ziemlich erfolgreich waren. Der Musik bin ich bis heute treu geblieben. In der Extrem Bosnian Blues Band vermische ich mit vier Freunden bosnische Volkslieder mit Folk, Hip-Hop und Rock.

Gab es neben der Musik weitere Hilfsmittel, in der neuen Umgebung Fuss zu fassen?

Ganz entscheidend waren meine ersten zwei Lehrer, die ich in der Schweiz hatte. Der eine hat mich in das hiesige Schulsystem eingeführt, das natürlich ganz anders funktionierte als im sozialistischen Jugoslawien. Ich habe beispielsweise das Notensystem überhaupt nicht begriffen: dass es vier Noten gibt für ungenügende Leistungen und nur zwei für gute. Auf seine Hilfe war ich wirklich angewiesen, weil meine Eltern und älteren Geschwister, für die auch alles neu war, mich in dieser Hinsicht nicht unterstützen konnten. Der zweite Lehrer, in der Sekundarschule, hat mich bewusst gefördert. Er hat erkannt, dass ich gut Basketball spielen kann und musikalisch begabt bin. Ausserdem hat er nicht nur bei mir, sondern in der ganzen Klasse ein politisches Bewusstsein geweckt.

2003 sind Sie eingebürgert worden. Wie mühsam war das Prozedere?

Überhaupt nicht mühsam. In Suhr, meinem jetzigen Bürgerort, kannte mich der Gemeinderat bereits sehr gut. Ich habe mich jahrelang in der Jugendarbeit engagiert und viele kulturelle Veranstaltungen organisiert. Ich habe ein Gespräch mit dem Gemeinderat geführt, und danach hat die Gemeindeversammlung abgestimmt. Haben Sie jemals daran gedacht, nach Guca Gora oder Split zurückzukehren? Mitte der neunziger Jahre habe ich mich intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt: Wer bin ich eigentlich, und wohin gehöre ich? Schliesslich habe ich realisiert, dass ich nicht zurückwill. Das Land meiner Kindheit gab es nicht mehr. Es ist innerlich wie äusserlich zu viel kaputtgegangen. Damals fiel meine Entscheidung, hier zu bleiben. Hier zu leben und mich hier auch einzusetzen. Hier, wo mein Lebensmittelpunkt ist, wo ich Steuern zahle und mein Kind in die Schule schicke.

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