21. 02. 2017

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Integriert sein heisst, 
nicht aufzufallen - Beobachter Interview

«Integriert sein heisst, nicht aufzufallen»

Ivica Petrusic im Gespräch mit dem "Beobachter" über die Rückeroberung des öffentlichen Raumes und die Bedeutung der Non- Formalen Bildung.

Interview: Tanja Polli; Foto: Alessandro Fischer

Beobachter: Herr Petrusic, Sie waren 14 Jahre alt, als Sie aus einem bosnischen Bergdorf in die Schweiz kamen. Wie war das?

Ivica Petrusic: Sagen wir, es war intensiv. Ich habe viel geweint in dieser Zeit. In meiner alten Heimat war ich ein Vorzeigeschüler. Ich wurde als Hoffnungsträger der sozialistischen Elite früh in Naturwissenschaften, Velofahren und Basketball gefördert und durfte an Wissens- und Sportwettbewerben teilnehmen. Auf Schweizerdeutsch gesagt, ich war dort ein «Sibesiech». In der Schweiz war ich dann auf einen Schlag ein Nichts. Ich habe kein Wort verstanden und konnte nicht zeigen, was ich kann. Man hat mich in die Realschule eingeteilt und die 6. Klasse wiederholen lassen.

Sie liessen sich nicht entmutigen. Sie haben heute einen Masterabschluss und sprechen akzentfrei Schweizerdeutsch. Was lief bei Ihnen besser als bei anderen?

Wenn Sie mich jetzt zum Vorzeige-Jugo machen wollen, muss ich passen. Das sind ganz heikle Geschichten. Leute wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka werden hochgejubelt und gefeiert. Kaum machen sie den kleinsten Fehler, sind sie wieder die typischen Albaner. Dann haben es alle schon immer gewusst. Wenn man diese aussergewöhnlichen Geschichten ins Zentrum stellt, vergisst man gerne, dass die meisten Ausländer in der Schweiz ein ganz normales, unauffälliges Leben führen.

Dennoch ist interessant zu wissen, was geholfen hat, dass Sie trotz nicht idealen Startbedingungen so viel erreicht haben.

Da haben verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt. Zum Beispiel, dass meine Eltern an mich geglaubt haben und dass ihnen Bildung wichtig war, obwohl sie selber nicht lange zur Schule gegangen sind. Dann haben mich meine ersten beiden Lehrer in der Schweiz sehr unterstützt. Sie haben mir geholfen, mich im Schulsystem zurechtzufinden, und sie haben mich gefördert. Man unterschätzt gern, wie fremd unser Schulsystem für viele Einwanderer ist. Ich habe zum Beispiel immer versucht, Noten zwischen 3 und 3,5 zu schreiben – in der Annahme, ich sei damit guter Durchschnitt. In Bosnien hatten wir vier Noten für genügende Leistungen und nur eine für ungenügende. Ich war ziemlich überrascht, als ich erfuhr, dass es in der Schweiz quasi umgekehrt ist.

Und warum versuchte der Vorzeigeschüler plötzlich Durchschnitt zu sein?

Ich wollte nicht als Streber gelten. Das merkt man schnell, wenn man in die Schweiz kommt: Integriert sein heisst, nicht aufzufallen.

Sie haben es dann doch in die Junioren-Nationalmannschaft der Basketballer geschafft und feierten mit ihrer Teenieband kleinere Erfolge.

Das stimmt. Das ist das Schöne an der Musik und am Sport. Hier zählen übergeordnete Interessen mehr als die Herkunft des Einzelnen.

Leider ist nicht jeder eingewanderte Jugendliche musikalisch oder sportlich talentiert.

Ich hatte sicher sehr viel Glück. Meine jugendliche Liebe zum Hip-Hop hat mir zum Beispiel geholfen, mein Schweizerdeutsch zu verbessern. Ich wollte ein guter Rapper sein und war motiviert, meine Aussprache zu perfektionieren. Es mag sein, dass ich mehr Talent mitgebracht habe als andere. Ich glaube aber auch, dass das Potential von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz grundsätzlich unterschätzt wird. Man interessiert sich hauptsächlich für sie, wenn sie negativ auffallen.

Jetzt kommt das Medienbashing...

Die Medien sind Teil des Problems. Medienpräsenz ist für die meisten Jugendlichen per se cool. Jeder möchte in der Zeitung kommen. Wenn es also ein jugendlicher Raser oder Schläger auf die Titelseite schafft, bringt ihm das Anerkennung. Negative zwar, aber Anerkennung. Im Rampenlicht zu stehen ist geil. Ich habe diese Diskussionen oft mit Jugendlichen geführt. Wenn sie einen Seich angestellt haben, kam von den anderen sofort die Frage: Was, nicht einmal die Bullen sind gekommen? Indem wir ihnen diese Plattform in den Medien bieten, fordern wir sie geradezu auf, sich zu steigern. Bei den Flitzern in den Fussballstadien hat man das längst begriffen. Die Kameras schwenken sofort weg, wenn einer aufs Spielfeld rennt. Weil man weiss, dass es uninteressant wird, wenn man nicht reagiert.

Zugleich fordern Sie, man soll Jugendliche konfrontieren, ihnen Grenzen setzen.

Ja, im direkten Kontakt. Nicht via Medien und nur wenn nötig via Polizei. Ich habe das oft erlebt: Eine Gruppe Jugendlicher sitzt irgendwo an einer Strassenecke und grölt herum. Die Anwohner stehen auf ihren Balkonen, rufen die Polizei, die Jugendarbeit. Irgendwann steht eine ganze Gruppe Fachleute um die Jugendlichen herum. Die Leute, die ihr Benehmen wirklich gestört hat, stehen immer noch auf ihren Balkonen. Wäre nur ein Einziger heruntergekommen und hätte den Jugendlichen gesagt, er sei müde und wäre froh, endlich schlafen zu können, wären die Jugendlichen vielleicht einfach gegangen.

Das traut sich doch kaum mehr einer...

Das ist ja das Tragische. Obwohl wir in einem der sichersten Länder der Welt wohnen, haben immer mehr Leute das Gefühl, der öffentliche Raum sei gefährlich. Sie fühlen sich von Jugendlichen bedroht, auch wenn die keinen Mucks machen. Was das bei den Jugendlichen auslöst, kann man sich vorstellen.

Nicht ganz.

Sie fühlen sich mächtig und ohnmächtig zugleich. Wenn Sie einer bestimmten Bevölkerungsgruppe lange genug eintrichtern, sie sei brutal und gefährlich, dann wird sie sich über kurz oder lang auch so verhalten.

Die Huhn-und-Ei-Diskussion. Aber die ganze Jugendgewalt den Medien in die Schuhe zu schieben ist auch ein bisschen einfach.

Das tue ich nicht. Aber es ist doch schon verblüffend: Sowohl die Jugendkriminalität als auch der Alkohol- und Drogenkonsum von Jugendlichen nimmt laufend ab. Die Jugend wird bräver und bräver.

... und ihr Image schlechter und schlechter.

Genau. Da wären wir halt trotzdem wieder bei den Medien, aber auch bei der Individualisierung unserer Gesellschaft. Es gibt ja kaum mehr Orte, an denen sich Erwachsene und Jugendliche wirklich begegnen. Wir haben Klubs für die 16- bis 18-Jährigen, Konzertlokale für die 20-Jährigen, Ü-30-Partys, Ü-40-Partys und dann ganz viele Leute, die überhaupt nicht mehr rausgehen. Die Jugendlichen sollen Party machen, aber bitte nicht vor unseren Augen. Wir verweigern die Auseinandersetzung mit der Jugend, aber sie braucht sie.

Im Ausgang?

Auch. Ich kann Ihnen ein schönes Beispiel erzählen: Ich habe ein Jugendhaus einer Zürcher Gemeinde geleitet. Irgendwann war es nur noch eine kleinere Gruppe Albaner, die die Räumlichkeiten genutzt hat. Bald wurde ihnen langweilig, und sie begannen Mist zu bauen. Ich habe das Haus geöffnet, einer Kinderkrippe Platz gemacht, diverse Kurse für Erwachsene reingeholt.
Plötzlich waren die grossen Jungs im eigenen Haus ganz klein. Weil sie den Kindern kein Chaos hinterlassen wollten oder weil die Mutter eines Kollegen einen Kurs geleitet hat. Solche Auseinandersetzungen fehlen vielen Jugendlichen, aber auch älteren Leuten heute.

Wie wollen Sie das ändern?

Ich fordere die Rückeroberung des öffentlichen Raums, die Mediterranisierung unserer Strassen und Plätze. Wir müssen wieder mehr raus, uns miteinander auseinandersetzen. Denken Sie sich doch kurz in die Sommerferien, in eine italienische Stadt. Die Strassen sind voll, niemand käme auf die Idee, sich dort von Jugendlichen bedroht zu fühlen, obwohl die dort bestimmt auch in Gruppen unterwegs sind.

Also Ausgehzwang für Erwachsene am Wochenende?

Warum nicht? Nein, im Ernst: Erziehung muss wieder etwas Öffentliches werden. Wir müssen gemeinsame Standards entwickeln und die auch durchsetzen. Vor noch nicht allzu langer Zeit gab es auch in der Schweiz solche gemeinsamen Erziehungsräume: im Dorf, im Quartier, in der Schule, in der Grossfamilie. Man war sich in etwa einig, wie Erziehung aussehen soll. Das hat sich geändert, nicht nur, aber auch mit der Migration. Das schafft viel Unsicherheit, bei den Eltern, bei den Kindern und erst recht bei Jugendlichen.

In der Schweiz ist Erziehung tatsächlich Privatsache. Da lässt man sich nicht dreinreden.

Ich weiss. Das hat zur Folge, dass sich auch niemand traut, ein fremdes Kind zurechtzuweisen. Aus diesem Gefühl heraus, dass das einen nichts angeht. Man steht lieber daneben und empört sich. Gleichzeitig verlangen wir von ausländischen Eltern, dass sie ihren Erziehungsstil dem unsrigen anpassen. Wie sollen sie das tun, wenn wir nicht bereit sind, unseren zur Diskussion zu stellen?

Erziehung wird doch dauernd diskutiert. Stichworte Kuschelpädagogik, Lob der Disziplin…

Genau, jede Familie, jedes Schulhaus, jede Lehrkraft hat eine eigene Vorstellung davon, was gute Pädagogik ist. Man geht stillschweigend davon aus, dass alles seine Berechtigung hat und schon irgendwie gut sein wird. Vor allem für Kinder aus anderen Kulturkreisen heisst das nicht selten, dass sie mit zwei total verschiedenen Wertesystemen zurechtkommen müssen.

Zum Beispiel?

Viele Länder des Balkans sind bis heute patriarchalisch geprägt. Gewalt ist ein gängiges Erziehungsmittel. Auch ich bin damit aufgewachsen. Wenn wir in der Schule Mist bauten, gabs vom Lehrer Schläge, vom Pfarrer und daheim vom Vater noch einmal. Viele heutige Schweizer Grosseltern haben das auch noch so erlebt. Gewalt war einfach ein ganz normales Mittel, Dinge zu regeln. Das prägt Kinder. Merken sie dann in der Pubertät, dass sie sich selber mit Gewalt einen gewissen Respekt verschaffen können, kommt nicht selten ein Teufelskreis in Gang.

Heute lernt jedes Kind in der Schule, dass Gewalt nicht in Ordnung ist.

Eben. Das verunsichert unter Umständen noch mehr, weil die Eltern daheim etwas ganz anderes leben. Durchbrechen liesse sich das nur durch frühe Elternarbeit. Wir müssen Erziehungsgrundsätze und kulturelle Werte diskutieren. Mit allen Eltern. Heute schicken Eltern ihre Kinder in die Schule und gehen automatisch davon aus, dass die Lehrkräfte ihre Kinder in etwa so erziehen wie sie daheim. Und die Lehrkräfte gehen davon aus, dass die Eltern wissen, dass die Kinder ausgeschlafen zur Schule kommen müssen und dass sie sie nicht schlagen dürfen. Missverständnisse sind programmiert. Das ist eine der Herausforderungen der globalisierten Welt. Wir müssen lernen, die Dinge beim Namen zu nennen.

 

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