21. 02. 2017

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Monatsinterview in der WOZ - Teil 3

Durch den Monat mit Ivica Petrusic (Teil 3)

Sie wollen im Ernst, dass die Jugendlichen noch lauter werden?

Jahrelang hat Ivica Petrusic Jugendarbeit an der Basis geleistet, mittlerweile ist er Jugendbeauftragter des Kantons Zürich. Er fordert dazu auf, die Anliegen der Jugendlichen ernster zu nehmen – gerade auf politischer Ebene.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

WOZ: Ivica Petrusic, Sie sind der offizielle Jugendbeauftragte des Kantons Zürich. Zuletzt haben Zürcher Jugendliche vor allem mit Krawallen auf sich aufmerksam gemacht. Was ist eigentlich los?

Ivica Petrusic: Weit über diese Krawalle hinaus geht es für mich um die politische Frage des öffentlichen Raums. Dieser wird von der Wirtschaft zunehmend privatisiert und im Rahmen der anhaltenden Sicherheitsdebatte reglementiert. Das führt dazu, dass der öffentliche Raum entpolitisiert wird. Dabei ging es ursprünglich gerade darum, dort gemeinsam Themen anzusprechen und Meinungen kundzugeben.

Inwiefern hat diese allgemeine Entwicklung mit den Jugendlichen zu tun?

Sie bekommen diese Entwicklungen am heftigsten zu spüren. Hier bei Okaj, dem Dachverband der offenen, verbandlichen und kirchlichen Jugendarbeit im Kanton Zürich, hören wir immer wieder dieselbe Geschichte: Jugendliche, die am See sitzen und Bier trinken, werden von der Polizei gefilzt und vertrieben. Oder von Mitarbeitern der Sip (Sicherheit – Intervention – Prävention, eine mobile Einsatztruppe des Sozialdepartements).
Wir haben uns letzte Woche bei unserer Teamklausursitzung spasseshalber vorgestellt, dass die Jugendlichen uns künftig über eine Notfallnummer erreichen sollten, damit wir der Polizei erwidern könnten: «Lasst die Jugendlichen in Ruhe!» Werden die Jugendlichen immer und von überall vertrieben, fehlen ihnen der Raum und die Zeit, um ihre Bedürfnisse und ihre Unzufriedenheit zu formulieren.

Die Jugendlichen sollten also wieder Orte haben, an denen sie sein können?

Ja, denn dieser fehlt ihnen heute. Nachdem die Jugendlichen in Zürich zu Beginn der achtziger Jahre protestiert hatten, erkämpften sie sich autonome Räume, um alternative Kulturarbeit betreiben zu können. Daraufhin stellten viele Städte und Dörfer den Jugendlichen Räume zur Verfügung. Doch dann setzte ein Reglementierungsprozess ein: Jemand übernahm die Koordination, Sozialbegleiter wurden eingestellt, um für mehr Ordnung zu sorgen, und die Strukturen professionalisiert. Dieser Prozess war nicht im Sinne der ursprünglichen Idee, Raum für Jugendliche zu bewahren, wo sie ihre Ideen verwirklichen können. Die Jugendlichen haben den einst erkämpften Raum wieder verloren. Sie fühlen sich in jenen Räumen eingeengt und unfrei. Nicht sie alleine bestimmen das Angebot. Also gehen sie vermehrt nach draussen. An diesem Punkt sind wir heute.

Und was können Sie an diesem Punkt im Bereich der Kinder- und Jugendförderung tun?

Intern sollten wir uns davon lösen, die Jugendarbeit als verlängerten Arm von Sicherheitskonzepten zu verstehen. Vielmehr ist sie ein unabdingbares Angebot der ausserschulischen Bildung. Es gibt diesen Spruch: «Wir müssen die Jugendlichen abholen.» Den halte ich für falsch. Abholen heisst auch, sie irgendwohin zu bringen. Wir sollten mit ihnen mitgehen. Mehr noch: Wir sollten die Jugendlichen befähigen, lauter zu werden.
Ein Beispiel dafür ist das Jugendfernsehen Joiz, bei dem Jugendliche unterstützt werden, ein Programm zu entwickeln. Es geht ums Mitmachen, ums Befähigen und Voneinander- Lernen. Gerade im Bereich der neuen Medien bringt es nichts, Schutzmechanismen und Verbote aufzubauen, wenn die Jugendlichen ohnehin schneller sind und diese umgehen.

Wollen Sie im Ernst, dass die Jugendlichen lauter werden?

Ja. Um ihre Botschaften und Anliegen an die Politik vorzutragen. Das ist der Ort, wo Geld gesprochen und auf der gesetzlichen Ebene etwas verändert wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Politik vor allem auf laute und gut formulierte Forderungen reagiert wird.

Das Problem der Jugendlichen ist doch: Ihr Image ist schlecht.

Ich wünsche mir tatsächlich eine andere Wahrnehmung. Die Medien stürzen sich lieber auf Bilder und Geschichten, die Schlagzeilen liefern, wie die Krawalle in Zürich, statt die Botschaften und Anliegen zu thematisieren. Das hat dazu geführt, dass die Jugendlichen oft negativ bewertet werden. Gerade wenn sie als Gruppe auftreten, löst das offenbar Ängste aus.
Während meiner Zeit als Jugendarbeiter in Wädenswil hat einmal abends eine Frau angerufen und mir mitgeteilt, dass unter ihrem Balkon vier Jugendliche sässen, die laut seien. Dann hat sie mich aufgefordert, vorbeizukommen und die Jugendlichen wegzuweisen. Ich habe sie daraufhin gefragt, weshalb sie ihnen das nicht selber sagen wolle. Sie antwortete, weil sie Angst habe. So weit haben sich die Jugendlichen und die Erwachsenen offenbar voneinander entfernt.

Wie könnte diese Distanz denn wieder verringert werden?

Indem Themen wie Gewalt oder Littering nicht mehr als Jugendprobleme, sondern als gesellschaftliche Probleme des knapper werdenden öffentlichen Raums wahrgenommen werden. Die Jugendlichen sollen später zu den tragenden Säulen der Gesellschaft werden. Wäre es folglich nicht sinnvoller, sie zu fördern und zu lehren, Verantwortung zu übernehmen, statt sie zu bevormunden und als potenzielle Gefahr zu sehen?

Ivica Petrusic (34) ist Geschäftsführer von Okaj, der Kinder- und Jugendförderung des Kantons Zürich. Er war zudem Nationalratskandidat der SP Aargau.

 

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